Vor dreizehn Jahren war es DAS Thema in den Medien: der drohende Millennium Bug. Dieser „Käfer“ galt als Bezeichnung für ein drohendes Computerproblem in aller Welt. Zum Jahreswechsel 1999/2000 würden millionenfach Computer abstürzen, weil der Wechsel vom Jahr „99“ zu „00“ Probleme bereiten würde. Denn früher wurde die Jahreszahl nur zweistellig geschrieben, um (damals sündhaft teuren) Speicherplatz einzusparen. Herumgereicht wurde als Folgen eigentlich alles – von nicht funktionierenden Ticketautomaten über Stromausfälle, Weltwirtschaftskrisen oder gar Atomkriegen…
Die Welt zitterte zuerst, atmete Anfang 2000 schon wieder auf, heute lacht man darüber – lauthals. Auch ich als Laie verfolgte das Thema damals mit Sorge, heute lache ich mit. Und doch ist es mir irgendwie nicht wohl. Klar ist es schön, dass das Problem, der einst zu knappe Speicherplatz, keines mehr ist. Oder besser: überhaupt keines mehr ist. Doch als simpler User von Internet, Social Media und dergleichen frage ich mich, wohin das noch führen wird.
Heute werden Daten gespeichert, wie wenn es kein Morgen gäbe. Der Speicherbedarf explodiert geradezu, und die nötigen Kapazitäten explodierten mit. Google Earth umfasst mal eben 150 Terabytes, auf Facebook werden jeden Monat 30 Milliarden Inhalte gespeichert, in vier Jahren sollen stündlich die Daten von 38 Millionen rappelvollen DVDs durchs Netz gejagt werden – und alles wird gespeichert. Von unerwünschten Nebeneffekten (steigender Stromverbrauch, „gläserne User“, durch Social Media abgelenkte Arbeitnehmer etc.) ganz zu schweigen.
Es driftet fast schon ins Philosophische ab, aber: Wir können doch nicht alles speichern?! Alles, was wir online suchen und teilen. Alles, was wir miteinander chatten und austauschen. Alles, was wir unseren Mitmenschen auf Facebook, Twitter & Co. mit auf den Weg geben. So faszinierend die Möglichkeiten auch sind, zum Leben gehört doch auch das Vergessen – pardon: das Nicht-Speichern?!
Auch wenn ich jetzt als schräger Vogel dastehe: Dieses „was ist, wird registriert – auf immer und ewig“ macht mir Angst. Auch wenn ich Internet und Social-Media-Funktionen sehr gerne nutze und selber manchmal froh bin drum, um dieses oder jenes aus den Tiefen eines digitalen Archivs zu graben. Zumindest ein neuer, kleiner Bug täte uns doch allen gut. Nicht alles ist es wert, es aufzubewahren. Nicht jedes Sinnvolle. Und schon gar nicht jedes Sinnlose.
PS: Laut Experten soll es spätestens 2038 einen neuen „bug“ geben. Der hat zwar nur indirekt mit Speicherplatz zu tun. Aber vielleicht werden auch dann wieder einige wenige Ticketautomaten ihren Geist aufgeben?
