Ich geb’s ja zu. Etwas kritisch stieg ich schon in die beiden Twitter-Blöcke im Rahmen meines Community-Manager-Lehrgangs. Social Media, gerne – dafür bin ich mittwochs ja auch in Zürich. Aber Twitter, braucht’s das wirklich? Klar, 140 Zeichen. Fast so schnell wie das Licht. Und die Notwasserung vor New York ging damals um die Welt dank Twitter. Dennoch, ich habe doch im Alltag schon genug zu lesen und zu tippen… Und überhaupt, was interessieren mich Demis Namenswechsel, Baracks Worthülsen in Kürzestform und erst recht der verpasste Intercity von Hinz oder Kunz?! Zudem bin ich doch stolz darauf, zwischendurch mal noch bedrucktes Papier in den Händen zu halten.
Es tönt jetzt stark nach plumpem Drehbuch, aber es sind keine zwei Wochen vergangen seither. Und nun hat’s mir den Ärmel doch schon ein wenig reingezogen. Twitter ist tatsächlich erfrischend. Ich kann simpel am Alltag der anderen teilhaben, sich in Diskussionen (am Anfang noch) fremder Personen einschalten oder die halbe Welt um ihre Meinung fragen. Wenn ich will, werde ich unterhalten, informiert und bespasst – Häppchen für Häppchen, wann ich will und wie lange ich mag. Faszinierend, für mich aber weiterhin etwas beängstigend, ist es auch, dass die Tweets rund um die Uhr reintrudeln – nicht nur von Leuten am anderen Ende der Welt. Was, der Tennispartner war nachts um vier noch wach? Und aha, der Arbeitskollege schrieb seine sieben Tweets garantiert noch während der Arbeit.
Twitter ist wie wirklich das Leben. Da gebe ich all jenen, die ich noch vor Kurzem belächelte, recht. Es ist Zuschauen, Diskutieren, herrlich belangloses Quasseln, Spannen und Nerven. Nerven? Ja, auch das gibt’s wie im richtigen Leben. Aber während ich dem an Sprechdurchfall leidenden Nachbarn im Treppenhaus schlecht aus dem Weg gehen kann, reicht bei Twitter ein Klick und weg ist er. Die Treppe bleibt besetzt, die Timelime wird jedoch augenblicklich frei. Twitter wie das Leben? Manchmal sogar etwas besser, habe ich das Gefühl. Dabei ist doch meine Twitter-Karriere erst zwei, drei Wochen alt. Was kommt da bloss noch heraus – jetzt, wo das hier doch noch ein wenig ein Werbespot wurde? Fast 35 Jahre habe ich sehr gut ohne Twitter gelebt. Aber mit ist auch nicht schlecht…
